WENN MENSCH UND MASCHINE EINS WERDEN

Position zum Auftritt Ray Kurzweils zum 4. Dresdner Zukunftsforum

Nico Clausinger

Das 4. Dresdner Zukunftsforum bot im 15. Jahr des T-Systems Multimedia Solutions-JubilÀums wiederum spannende Themen zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen der revolutionÀren Kommunikations- und Netzentwicklung.

Dabei ging es nicht nur um kommerzielle und technische Aspekte, sondern besonders auch um den rasant wachsenden Einfluss des Social Network und die vielfÀltigen neuen Wechselwirkungen zwischen Produktion und Konsumtion P r o s u m e r / P r o d u s e r sowie um die Krise klassischer GeschÀftsformen, Strategien und Hierarchien.

Auch dieses Mal fehlte es nicht an Stars des globalen Innovations-Hypes: N eben dem Mit- Erfinder des Internets, Sir Tim Berners-Lee, demonstrierte Ray Kurzweil aus der MIT- Innovationsschmiede, was heute Fortschritt bedeutet: Der maßgeblich an den großen Innovationen des Informationszeitalters Beteiligte (Bill Gates spricht von ihm als »fĂŒhrendem Experten im Bereich der kĂŒnstlichen Intelligenz« ist nicht nur genialer Erfinder und Produzent (Reading-Machine; Synthesizer), sondern auch ein Protagonist der linearen Fortschrittsdoktrin.

Kaum ein Bereich der Wissenschafts- und Technologieentwicklung, der nach Kurzweil nicht immer kurzweiliger in die Zukunft kollabiert: Speicher- und ÜbertragungskapazitĂ€ten, Biotechnologie und Gehirnforschung – mit sich exponentiell beschleunigender Geschwindigkeit rasen wir, getrieben vom Law of Accelerating Returns (Gesetz des sich beschleunigenden Nutzens), eben auch auf einen wirtschaftlichen Megaboom zu, welcher die natĂŒrliche Evolution mit der technologischen und den Menschen mit der Maschine verschmelzen soll. Die besonders in Amerika angelagerten Fettzellen werden in KĂŒrze also durch Eingriffe ins Hirn wegrepariert und Nanoroboter werden in unseren Körper integriert. Das alles soll unser Leben verlĂ€ngern, uns gar vorm Sterben bewahren.

Ich fand das alles recht spannend, weil es interessant ist, aus berufenem Munde zu hören, dass die heiligen Ideologen des Fortschritts ĂŒber entscheidende PhĂ€nomene nicht sprechen, ja nicht sprechen können: Warum setzen sie quantitative, wohl auch exponentielle P rozesse mit non-linearer oder gar evolutionĂ€rer Entwicklung gleich?

Welche sind die Nebeneffekte, wenn immer alles kleiner, billiger und schneller wird?

Also hat Kurzweil nicht nur nicht ĂŒber den rasanten Anstieg des kybernetisch verursachten Energieverbrauchs gesprochen, ĂŒber bedrohliche KlimaverĂ€nderungen, nicht ĂŒber geistige und materielle Verarmung, Über- und UnterernĂ€hrung, nicht ĂŒber Analphabetisierung und auch nicht ĂŒber expandierende irrationale Kriegs- und Glaubensideologien.

Vielleicht ist das schwarze Loch, welches den linearen Fortschrittsglauben nĂ€hrt so stark, dass es den Blick nur noch starr in Richtung steil aufsteigender Beschleunigungen zieht. Könnte man dies die CERN– Krankheit nennen? Und wenn das schwarze Loch nur ein Symbol ist und fĂŒr die Angst vor dem Tod steht?

Vielleicht wird von daher verstĂ€ndlich, warum Ray Kurzweil ĂŒber Chancen einer qualitativen und sozialen Menschheitsevolution auch im Zeichen des Social Network nichts sagen wollte oder konnte. Wie soll er begreifen, dass wir uns mitten in der Absturzphase der vertikalen Hierarchien und Herrschaftsformen befinden, dass dem horizontalen Austausch und der freien Co-Produktion die Zukunft gehören?

Wie soll er bemerken, dass dies auch tief in die Politik und die sich translokal formierenden Communities eingreifen wird; dass diese ganzen mammutartigen Finanz-, Wirtschafts-, Staats- und MilitÀrkomplexe nicht mehr in das neue Jahrhundert des Social & Political Network passen?

Hier aber erst beginnen wir ĂŒber das Virtuelle, das latent auf uns Zukommende und wirklich Neue – fĂŒr manche bedrohlich erscheinende Neue – zu sprechen. Pragmatische lineare Wachstumsideologie hat, wie Ray Kurzweil eindrĂŒcklich zum Dresdner Zukunftsforum demonstrierte, wohl tatsĂ€chlich mit einem extrem starken schwarzen Loch zu kĂ€mpfen.

Das war dann auch das Lieblingsthema im Vortrag von Sir Tim Berners-Lee.

Nico Clausinger Live : ) @CYNETart, November 2010.

Autor: Nico Clausinger, 2010.07

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