Nostalgic Beats

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Als das grandiose deutsche Label Mille Plateaux 2004 insolvent ging, anschließend mit ein paar gebrochenen Gliedmaßen wieder auferstand und sich bis vor zwei Jahren nicht mehr recht erholen konnte, schien das symptomatisch fĂŒr das, was in Deutschland und anderswo in elektronischen Gefilden vor sich ging: Minimal Techno hatte irgendwann zu Beginn der 2000er das Ruder an sich gerissen und trat seinen frohen Siegeszug durch tobende Wasser an – andere Genres oder Produktionen verschwanden indes klammheimlich oder offensiv, einzig auf der Insel blieb es dank Burial, Kode 9 und dem sehr krĂ€ftig wuchernden Dubstep- Dschungel im Allgemeinen spannend und schließlich schwappte das Ein oder Andere ja auch nach Deutschland hinĂŒber.

Was Mille Plateaux hinterlassen hat und womit es in diesem Jahr nun auch wieder zurĂŒckgekehrt ist, ist der schöne Begriff Clicks & Cuts, der beim Frankfurter Label zum Namen einer Compilation wurde, die sich inzwischen ĂŒber ihre fĂŒnfte Ausgabe freuen darf. Den Titel kann und soll man entweder als musikalische Herangehensweise oder aber als Nischengenre lesen, das auf Klangströme, Verschiebungen und Überlappungen insistiert. Im Falle der spanischen Musikerin Annie Hall – ja, hier liegt in der Tat eine Vorliebe fĂŒr Woody Allens Meisterwerke vor – ergibt Letzteres mehr Sinn: sie liebt analoge GerĂ€te, ist technikaffin, lĂ€sst auf den großen spanischen Festivals den Apfel leuchten und ist ansonsten auf jenen Labels anzutreffen, die den Ton angeben, wenn man von Elektronika spricht, zuletzt konnte man ihren Klangskulpturen auf dem diesjĂ€hrigen SonĂĄr -Festival in Barcelona lauschen.

ZurĂŒck auf Anfang – wie kam sie ĂŒberhaupt dazu, sich durch den elektronischen Busch zu schlagen? – Der Bruder trĂ€gt schuld: »My brother is a DJ as well, then I started making music five or six years ago. In reality, all my life I have been surrounded by music.« Zu Beginn drehte sich alles um analoge GerĂ€te, etwas spĂ€ter kamen gĂ€ngige Softwares hinzu und vor drei Jahren wurde das erste schwarze Gold via Minuendo vertrieben; es folgten Releases auf dem irischen Label D1 und Semantica, die als Spielwiesen zum Ausloten diverser Genregrenzen bekannt sind.

Bei der ErwĂ€hnung von Clicks & Cuts machen sich Good Vibrations breit – Annie Hall spricht von »similar minds« und der frĂŒhzeitigen Begeisterung fĂŒr die Musik des Labels: eine gewisse Melancholie und Nostalgie kann und möchte sie nicht leugnen – pĂŒnktlich zum Einbruch des Minimal-Tsunamis in Deutschland gab es in Spanien Ă€hnliche Entwicklungen, die Annie Hall recht kritisch sieht: »To be sincere, the scene in Spain is really poor at the moment. In most of the places it‘s always the same minimal-sound – and nothing else.«

Mit Titeln wie Sunday Reflections schielt sie umso stĂ€rker in die Richtung von IDM und experimenteller Musik, die holprige Beats und SynthieflĂ€chen zu atmosphĂ€rischen oder breakigen Tracks aufstapeln und Tanzaktivisten und TagtrĂ€umer gleichermaßen aus der Reserve locken – Warp oder Ghostly International winken von hinten herĂŒber.

Wenn wir mit Blick auf Warp Records schon mal mit halbem Bein auf der Insel stehen gleich noch etwas hintendran: Annie Hall ist ein musikalisches ChamĂ€leon. Kaum lobt man sie und haut mit Referenzen zu den GrĂ¶ĂŸen der elektronischen Musik um sich – allen voran Aphex Twin –, schon holt sie einmal tief Luft und tut so, als wĂ€re das nichts weiter. Viel interessanter und agiler findet sie im Moment nĂ€mlich all das, was sich rund um Dubstep und Advanced Hip Hop tut – schade, dass es Kitty-Yo nicht mehr so richtig gibt, sonst hĂ€tte sich auf den seinerzeit sehr populĂ€ren Futurism-Samplern gewiss ein Platz fĂŒr Miss Hall gefunden. Schön zur Ästhetik und dem Artwork, mit dem Futurism vor einigen Jahren aus dem Hinterhalt hervor preschte und fĂŒr Erstaunen sorgte, passt natĂŒrlich Annie Halls Foto mit Klon-Kumpane, das Facebook einem prĂ€sentiert: das Ding wurde tatsĂ€chlich fĂŒr ein Heidengeld ersteigert oder gemietet (so richtig wissen wir das auch nicht) – nach der Aussage von Annie Hall war es »a great fun«, mit einem KostĂŒm zu posieren, das der große George Lucas bereits in den HĂ€nden hielt. Das ist natĂŒrlich etliche Jahre her, aber genau dahin soll‘s wieder gehen – »nostalgic beats« ist ein Schulterblick zurĂŒck und selbstverstĂ€ndlich auch ein Aufruf zu mehr Experimentierfreudigkeit und FeingefĂŒhl fĂŒr die kleinen Risse zwischen den Genres.

www.myspace.com/analogica

Annie Hall Live @CYNETart, 12. November 2010.

Autor: Nadja Voigt, 2010.07

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