AUF EINE FRITZ_KOLA MIT ANKE ECKARDT

Das Interview führte Thomas Dumke

21. Juli, mittags, in den Räumen der Trans-Media-Akademie Hellerau: Zwei Laptops, ein Telefon, ein paar Stifte, eine volle fritz-kola und Anke Eckardt am anderen Ende des Hörers, gerade fertig mit dem Frühstück und in der richtigen Laune, mit uns über ihr Projekt und dies und das zu reden.

Thomas Dumke Guten Morgen Anke. Bist du bereit?

Anke Eckardt Ja, ich habe gerade gefrühstückt.

TD Meine erste Frage, ganz pauschal, da gehe ich ins Eingefleischte rein: Welche Kompromisse gehen wir ein beim Versuch, die Welt anhand unserer Sinneseindrücke auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu interpretieren?

AE (lacht) Da sind wir direkt beim Thema meiner Klangskulptur. Was mich interessiert ist, dass ich glaube, dass es nicht e i n e Art und Weise gibt, die Welt zu interpretieren. Man kann sogar sagen, dass es nicht einmal eine Art und Weise gibt, die Welt wahrzunehmen. Das liegt einfach an dem Zusammenspiel unserer Sinne, dass wir also hören, sehen, schmecken, tasten und riechen. Ich glaube auch, dass wir alle gelernt haben, eine gewisse Konsistenz zu suchen in dem, was wir wahrnehmen in unserer Umgebung. Damit alles schlüssig bleibt und für uns irgendwie Sinn ergibt. U nd dass wir deswegen versuchen, die Sinneseindrücke, die wir simultan über verschiedene Sinnesmodalitäten aufnehmen, zu einem gemeinsamen Bild zu formen und das Wahrgenommene auf einen Ausschnitt zu reduzieren. Das hat mich interessiert und auch fasziniert und ich glaube, dass meine Skulptur das recht schön und beispielhaft zeigt.

TD Das ist alles super, was du sagst! Aber wie kommt man dazu, mit Sound Kunst zu machen? Ich meine, bist du selber gelernte Soundtechnikerin oder hast du dich allein in dieses Metier eingearbeitet?

AE Nein, ich habe ’95-‘97 eine Ausbildung als Tontechnikerin absolviert und danach primär auch als Tontechnikerin gearbeitet, für Konzerte gemischt, internationale Touren gemacht und so weiter. Dann habe ich schließlich auch Kunst- und Musikveranstaltungen organisiert.

TD Was waren da so die Highlights, was war das Beste, was du da erlebt hast?

AE Was die Produktionsleitung betrifft waren das sicher der Club Transmediale und die Musikzone, wo sehr viel experimentiert wurde, was ich ziemlich anregend fand. Und was die Tontechnik betrifft: spätestens, wenn du ein paar Jahre im Club alles gemischt hast, hast du die Welt gehört. Irgendwann dann, nach vielen Jahren Berufserfahrung, ging es mir aber tatsächlich so, dass ich dachte: Das ist zwar ziemlich toll, aber wenn ich das machen würde, dann würde ich es anders machen.

TD Den Spruch kenne ich!

AE Ja, ich dachte also: Vielleicht sollte ich mich einmal meiner eigenen Arbeit widmen. Das war im Jahr 2008. Und dann habe ich – in dem Sinne relativ spät, denn ich war schon über dreißig – mit einem Studium an der Universität der Künste angefangen. Ich kam aus der Praxis, aus dem realen Leben sozusagen, und habe dann zwei Jahre lang mein Studium absolviert, das ich im März diesen Jahres abgeschlossen habe. Und das war dann auch die Zäsur in meinem Leben – 2008 habe ich also angefangen, mich hauptberuflich mit meiner eigenen künstlerischen Arbeit auseinanderzusetzen und das waren ab dem Zeitpunkt Skulpturen und Installationen, die mich interessiert haben.

TD Wie bist du denn überhaupt auf dieses ’ ! ’ gekommen?

Du hast ja anfangs schon etwas über Simulation, Imagination und das Interpretieren der Welt gesagt, aber wie kommst du dann auf so einen großen Blubb?

AE Um ganz konkret auf den Titel einzugehen: Mir bereitet dieses Ausrufezeichen sehr großes Vergnügen, und zwar aus zwei unterschiedlichen Perspektiven heraus: Zum Einen kann man das Ganze grafisch betrachten und sieht eine Linie, die von oben nach unten geht und mit einem Punkt endet. Dazu fallen mir sofort Fall und Aufprall ein, die ja auch wesentliche Bestandteile oder Elemente meiner Skulptur sind – dass scheinbar etwas fällt und zugleich scheinbar auch im Tank etwas aufkommt. Und der andere Aspekt ist, dass ein Ausrufezeichen natürlich immer eine Art Signalwirkung hat, dass man also merkt: Achtung, hier passiert etwas!

TD Und wie kann man sich das konkret vorstellen? Du sitzt dann beispielsweise verträumt hinterm Mischpult, die Musik, die du mischen sollst, ist vielleicht gerade nicht so spannend und dann kommt plötzlich der Gedanke: Ich nehme mir mal ein pneumatisches System, fülle einen Bottich mit schwarzer Flüssigkeit und mache Blubb?

AE Mein Ansatz war ja immer, dass ich dachte: Meine Güte, ich habe echt schon viel erlebt in meinem Leben, gibt es jetzt noch irgendetwas, das mich vom Hocker reißen würde, wovon ich tatsächlich überrascht wäre? Ganz konkret war die Idee, was physikalisch ja eigentlich gar nicht geht: Wie wäre es, wenn ein Klang fällt? Ich habe dann tausend Überlegungen angestellt, habe gedacht, dass ich das nie hinkriege, denn Schall funktioniert als Phänomen einfach anders, wird nicht fallen, wird nicht aufprallen. Doch dann habe ich mir überlegt, in die Trickkiste zu greifen und verschiedene Sinne in Anspruch zu nehmen und es auf diese aufzuteilen. Dass ich sozusagen etwas höre, wo ich nur imaginiere, dass es fällt, und ich sehe es aufprallen. Und dann kam ich mehr und mehr zu dem Punkt, ein Setup dafür zu bauen. Ich habe mir dann im Aquaristikladen erst einmal Wasserpumpen angeguckt, aber schnell gemerkt: Das ist eigentlich nicht das, was ich meine. Dann war ich bei C o n r a d , wo Leute ihre Bauteile für elektrische Eisenbahnen kaufen und habe mir zwei kleine Motoren besorgt, die ich mit Tape an eine kleine Kurbelwelle geklebt habe und das dann bei mir zu Hause in einer Salatschüssel ausprobiert und bewegt und dachte: Gut, das ist jetzt eine Art Schaufelrad, wirkt aber eher so, als ob ich gerade versuche, einen Rührkuchen herzustellen, was mit einem Aufprall erst einmal noch gar nichts zu tun hat. Dann bin ich wieder einen Schritt weiter gegangen und habe das Ganze mit einem etwas größeren Motor – auch wieder in der Badewanne – probiert. Das kam der Sache schon näher, sah aber so aus, als würde ein Spatz in einer Pfütze baden. Ich war am Ende meines Lateins, ich brauchte Hilfe, ich konnte nicht alles selber können und wissen. Ich habe einen alten Freund kontaktiert, der früher in vielen Berliner Lokalitäten unterwegs war und dort alles geschweißt und gebaut hat. Mit ihm zusammen habe ich dann nachgedacht und er hat mich dann weiter verwiesen an einen alten Bekannten aus den Neunzigern, einen Maschinenkünstler und Bastler. Bei ihm war ich dann, in einer großen Halle am Rande Berlins, und er meinte: Pneumatik, das ist es! Ich dachte mir: Ja, das habe ich schon mal gehört, aber keine Ahnung, wie das richtig funktioniert. Und dann gingen die ganzen Experimente los, mit pneumatischen Kolben in großen Wassercontainern. Es spritzte fantastisch und mir war klar: Das ist genau die Vehemenz, die ich haben will. Es war und ist ein langer, langer Weg, auf dem ich mich mehr und mehr einem Erlebnis annähere, das ich kreieren will. Insgesamt hat diese Experimentierphase mehr als ein Jahr gedauert.

TD Noch eine letzte Frage: Wie stark haben dich denn die Neunziger beeinflusst?

Techno, Art…?

AE Weißt du, es gab Gründe warum ich damals nach dem Abi nicht direkt studiert habe, weil ich dachte: Hey, das Leben passiert auf der Straße, da will ich dabei sein, da gehöre ich hin. Ich wollte in alles involviert sein, wo es abging. Das habe ich viele Jahre gemacht und das möchte ich auch nicht missen. Inzwischen hat sich das alles verändert und ich betrachte es aus einem anderen Blickwinkel. Aber ich habe natürlich ganz viele Erinnerungen, die jetzt noch eine Rolle spielen, Dinge, die mich wirklich weggerissen haben. Und dieses Gefühl, diese Intensität würde ich eigentlich gern in einem anderen Rahmen erzeugen.

TD Ich bin ja auch ein Kind der Neunziger. Meine Behauptung ist ja immer, dass all das, was da so erlebt wurde sich heute in der Medienkunst widerspiegelt.

AE Absolut. Ich komme natürlich aus der anderen Richtung – Avantgarde-Rock, Metal. Wobei ich irgendwann, allein durch die Tontechnik, mit jeglicher Form elektronischer Tanzmusik sehr viel zu tun hatte. Und ich habe festgestellt, dass das, was Leute nutzen, um sich auf der Bühne zu inszenieren, also der Umgang mit Performativität, die Dinge sind, die ich heute aufgreife, das ist mein Sekundärwissen, das sich in meinen Skulpturen widerspiegelt. Das ist der Umgang mit Sub-Bass, der Umgang mit einem klaren, aber fetten Sound, mit Licht, Tiefe, Raum, Nebel und so weiter. Das sind alles Dinge, die bei mir ganz präsent sind.

Anke Eckardts Soundskulptur ’ ! ’ ist vom 11. – 17. November zur CYNETART 2010 im Festspielhaus Hellerau zu erleben. Siehe Programm .

Autor: Thomas Dumke, 2010.07

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