Lido

Jury-Statement

Die Fotoprojektion »Lido« von [[Jan-Peter E.R. Sonntag]] ist ein (an)dauerndes Dazwischen – gedehnt, eine Kapitulation des Übergangs – Töne in einer „toten Zeit“. Ein Film im Geiste, ohne Bewegung, der mit Anleihen aus der Musikgeschichte, der Fotografie, der szenischen Malerei und dem konsequenten Zusammenspiel von Bild und Sound ein sinnliches Rauschen in die Grenzen der eigenen SphĂ€re verbannt. Jedes Bild ist ein bewegtes Bild. Das unbewegte fotografische Bild ist nicht statisch, da der menschliche Seh-Apparat und der Prozess des Sehens nicht statisch sein können. Das Auge tastet das Bild ab und rekonstruiert sein eigenes Bild aus den Gestalten des Scheinbaren. In einer Welt, die mehr und mehr als komplex, kompliziert und ĂŒberladen beschrieben werden kann, fĂŒhrt der reduzierte Einsatz von Mitteln bei »Lido« Konzentration und Kontemplation in unser Wahrnehmungsverhalten wieder ein.

LIDO, Venedig 10. Juni 2007, 10.37 Uhr – in Aschenbachs gleißendem Blick durch die Wellen gerann der Übergang – Tristan F H D# G# / 9:17 – ein (un)endliches Band aus vier sich im Raum verschlingenden (Sinus-)Tönen – ein (an)dauerndes Dazwischen – gedehnt, fast tote Töne* in einer „toten Zeit“ – im Übergang und schon fast Kino.

Der Komponist Karel Goeyvaerts schreibt 1952 seine Komposition Nr.4 „met dode tonen“ aus vier elektronisch produzierten Klanggemischen. Michelangelo Antonioni prĂ€gt den Begriff der „toten Zeit“ im Kontext zu seinem Film „L’Aventura“ (1960). Richard Wagner schreibt den 2. Akt des Tristan – „den Liebestod“ in Venedig 1844. Am 13. Februar 1883 stirbt er in Venedig.

Am 10. Juni 2007 um 10.37 Uhr nahm ich am Lido in Venedig nach Tagen des Wartens dieses digitale Bild auf, das zum Bewegtbild werden sollte – nach vier Jahren, die ich auf diesen Moment hingearbeitet hatte: Es ist ein gefrorener Moment von einer dreitausendstel Sekunde, nun in einer langsamen, digitalen Bewegung entgegen seiner physiologischen Adaption in unserem kognitiven Seh-System.

Der sogenannte „Tristan(-Akkord)“ ist in der Musikgeschichte ein großes Symbol eines unaufgelösten, dissonanten Moments des Übergangs (mit dem Tritonus = 3 Ganztöne = ĂŒbermĂ€ĂŸige Quarte / Diabolus in Musica). Dieser Akkord ist hier isoliert. Man hört ihn als digital ĂŒberdehnten Klavierakkord, dessen Grundtöne als vier Sinustöne ohne Timbre im klassischen Sinne quasi-akustisch nachklingen und sich zwischen den beiden Klangwandlern hörpsychologisch im Raum zu „Ton-BĂ€ndern“ verschlingen, Resonanzen und Interferenzen im Raum bilden. Dieser sich in der Schwebe befindende, geronnene Moment kreiert einen speziellen psychoakustischen Zustand und ist trotzdem zugleich beinahe schon Kino in einer nicht unmittelbar narrativen Weise.

Wagner folgt seiner Idee von der „endlosen Melodie“ als einer kontinuierlichen Bewegung in der Seele – im Ozean musikalischer Harmonien. Ich glaube, dass Wagner in einer eher symphonischen Weise (im Gegensatz zum damals Opernhaften) gedacht hat, aber den abstrakten Gesetzen des Kontrapunkts als „Metasprache“ nicht vertraute. So kreiert er sein „musikalisches Drama“ als Kontext und OberflĂ€che fĂŒr die musikalische Bewegung, als Spiegel des Unaussprechlichen. Wagner entwickelt auch seinen eigenen (idealen) Rezeptionsraum mit dem Festspielhaus in Bayreuth: Die Akustik des versenkten Orchesters reflektiert ĂŒber die BĂŒhne hinweg, ergreift die Wortkomposition im Handlungsraum zu einer einzigen Bewegung, die wie eine Welle in den dunklen Zuschauerraum dringt. Diese Idee erscheint ĂŒber ihre Zeit hinaus sehr modern – ich operiere seit Jahren mit einer Ă€hnlichen Arbeitshypothese. Im Gegensatz, beispielsweise zur Wiener Schule um Schönberg und zu Adornos Ästhetik, die auf ein abstraktes, zu Teilen analytisches Hören setzen, sieht Wagner die Musik als eine Klangbewegung, die unmittelbar GefĂŒhle auslöst und in wechselseitiger AbhĂ€ngigkeit von sowie in kontextueller NĂ€he zu einer konkreten Narration steht, die wiederum die GefĂŒhle zuordnet. So funktioniert heute alle Filmmusik und wo Musik keine Filmmusik – bildlos – ist, wirkt sie trotzdem oft wie der Soundtrack zu dem, was sich am Ort ihres Erklingens ereignet.

Subtext (ein Textband)

Wenn ich des Abends eine Gondelfahrt nach dem
Lido mache, umtönt es mich wie solch‘ ein langgehaltener
weicher Geigen-Ton, den ich so liebe, und mit
dem ich Dich einst verglich;

RW an Mathilde Wesendong, 16. Sept 1844

Noch dĂŒrfen wir das Bild des Meeres fĂŒr das
Wesen der Tonkunst nicht aufgeben. Sind Rhythmus
und Melodie die Ufer, an denen die Tonkunst die beiden
Kontinente der ihr urverwandten
KĂŒnste erfaßt und befruchtend berĂŒhrt, so ist der Ton
selbst ihr flĂŒssiges ureigenes Element, die unermeßliche
Ausdehnung dieser FlĂŒssigkeit aber das Meer der
Harmonie. Das Auge erkennt nur die OberflÀche
dieses Meeres: nur die Tiefe des Herzens erfaßt seine
Tiefe.
(…)
Regt dieses Meer aus seiner eigenen Tiefe sich
selbst auf, gebiert es den Grund seiner Bewegung aus
dem Urgrund seines eigenen Elementes, so ist auch
seine Bewegung eine endlose, nie beruhigte, ewig ungestillt
zu sich selbst zurĂŒckkehrende, ewig wiederverlangend
von Neuem sich erregende. Entbrennt die
ungeheure FĂŒlle dieses Sehnens aber an einem außerhalb
ihm liegenden Gegenstande; tritt aus der sicheren,
festbestimmten Erscheinungswelt dieser maaßgebende
Gegenstand zu ihm; zĂŒndet der sonnenumstrahlte,
schlank und rĂŒstig sich bewegende Mensch
durch den Blitz seines glÀnzenden Auges die Flamme
dieses Sehnens, – erregt er mit seinem schwellenden
Athem die elastische Masse des Meerkrystalles, –
möge die Gluth noch so hoch lodern, möge der Sturm
noch so gewaltig die MeeresflĂ€che aufwĂŒhlen, – die
Flamme leuchtet endlich, nach dem Verdampfen wilder
Gluthen, doch als mildglĂ€nzendes Licht, – die
MeeresflÀche, nach dem VerschÀumen riesiger
Wogen, krÀuselt sich endlich doch nur noch zum
wonnigen Spiele der Wellen; und der Mensch, froh
der sĂŒĂŸen Harmonie seines ganzen Wesens, ĂŒberlĂ€ĂŸt
sich im leichten Nachen dem vertrauten Elemente,
steuert sicher nach der Weisung jenes wohlbekannten,
mildglÀnzenden Lichtes.

RW, Sub. Bd3, 83

Seiner Klaviertransskription
von Isoldes Liebestod aus dem dritten Akt Tristan
stellte Liszt eine Einleitung von vier Takten voran:
darin zitierte er sein Lied Ich möchte hingehn auf
einen Text von Georg Herwegh aus dem Jahr 1844,
worin bereits jener berĂŒhmte „Tristan-Akkord“ vorformuliert
ist, der durch Wagner gut zehn Jahre spÀter
zum Angelpunkt der neueren Musikgeschichte wurde.
Im Jahr 1867 war das gewiß nicht nur innige Freundschaftspflege,
sondern eher eine ebenso diskrete wie
bestimmte Inanspruchnahme historischer PrioritÀten.

BW-Liszt, 46

Donnerstag 20ten »Von Nachtes Nöten sollt ihr
genesen, trinkt Champagner und eßt von den KĂ€sen«,
antwortet mir R., als ich ihn frage, wie seine Nacht
war. NÀmlich er wird öfters durch mich gebeten, keinen
KĂ€se abends zu essen. – Er arbeitet und ist zufrieden
mit dem, was er gemacht hat. Nachmittags geht er
etwas aus und liest dann in dem Aufsatz von Freund
W. ĂŒber Siegfried, und zwar mit der Absicht, ihm zu
einem einfacheren und korrekteren Stil zu verhelfen.
Abends drei Pr. und Fugen von Bach aus dem 2ten
Teil von Herrn R., sehr schön gespielt. Von der ersten
(fis moll (14)), der schönsten, sagt R.: »Das ist wie
die unverstÀndige und unverstehbare Natur, das ist
auch die unendliche Melodie!«

Cosima-TagebĂŒcher Bd 2, 308

In Wahrheit ist die GrĂ¶ĂŸe des Dichters am meisten
danach zu ermessen, was er verschweigt, um uns das
Unaussprechliche selbst schweigend uns sagen zu lassen;
der Musiker ist es nun, der dieses Verschwiegene
zum hellen Ertönen bringt, und die untrĂŒgliche Form
seines laut erklingenden Schweigens ist
unendliche Melodie.

RW, SuD Bd.7

Er hebt es wiederum hervor, was das fĂŒr ein bedeutender
Zug bei Beeth. sei, in seinen Symphonien die SentimentalitÀt
ganz ausgelassen zu haben, die in seinen Sonaten,
Quartetten so vorherrsche. Sie seien wie große Epen,
Dramen. Dort (in Sonaten etc.) musiziere er, in der
Symphonie musiziere die Welt durch ihn. Er hÀlt sich
ĂŒber den Unsinn auf der Nachfolger, welche solche
SentimentalitĂ€t nun eingefĂŒhrt hĂ€tten. Am Schluß des
Abends sagt er zu mir, er könne sich noch eine Art
symphonischer Werke in einem Satze vorstellen, (…),
wo keine GegenĂŒber-Stellung der Themen,
aber eines aus dem andren emporkeimt.
Aber er will nicht mehr musizieren, es rege ihn auf.

Cosima TagebĂŒcher, Bd 2, 1103

Donnerstag 1ten Unruhige Nacht fĂŒr R., wenigstens
viel lautes Sprechen darin. Auch klagt er ĂŒber Ohrenreißen,
und ich tröpfle ihm ein wenig laue Milch in
das Ohr. Wir haben Scirocco und Regen, doch schlage
ich es R. vor, ein wenig auszufahren. Er wird aber
davon nicht erheitert, und abends nimmt er keine
Mahlzeit ein und klagt recht sehr ĂŒber Schwere. Doch
im Verlauf des Abends erheitert er sich und fĂŒhlt sich
auch besser.

Cosima TagebĂŒcher, Bd 2, 1104

Sonntag 4ten R. erzÀhlt mir den schönen Traum, den
er hatte: Er war mit Schopenhauer zusammen, der
ungemein heiter und freundlich war (ganz weiß und von
dem R. sich sagte, nein, wer sollte sich denken, daß
das dieser große Philosoph sei; und dann machte R.
Sch. aufmerksam auf einen Schwarm Nachtigallen,
die aber Sch. kannte). – Dann kommt R. wieder auf
Nietzsche; meint, die eine Photographie hĂ€tte genĂŒgt,
um ihn als Geck zu kennzeichnen, und erklĂ€rt ihn fĂŒr
absolut nichtig, ein rechtes Beispiel fĂŒr das Nicht-
Sehen. Dann geht R. auf die »M. mosaĂŻstes« ĂŒber und
meint, solche psychologischen Novellen-Feinheiten
seien ihm ganz unmöglich, der Mythus hÀtte ihn
gleich in zu große Linien versetzt.
(…)
Es ist Scirocco, R. geht nicht aus. Erwartung Levi’s,
gegen 4 Uhr kommt er; uns allen sehr
angenehm. Der Abend wird verplaudert, »Harlekin,
du mußt sterben« gespielt; auch erzĂ€hlt Levi, daß ihm
Nietzsche einen »jungen Mozart« empfohlen,
und zwar einen absolut nichts könnenden Musiker!
Das ergibt Nachdenken! R. sagt zu mir schließlich:
Nietzsche habe gar keine eignen Gedanken gehabt,
kein eignes Blut, alles sei fremdes Blut, welches ihm
eingegossen worden sei (R. schreibt einen Zusatz an
meinen Brief an Malwida).

Cosima TagebĂŒcher, Bd 2, 1106

– – Wie ich schon zu Bett liege, höre ich ihn
viel und laut sprechen, ich stehe auf und gehe in seine
Stube: »Ich sprach mit dir«, sagt er mir und umarmt
mich lange und zĂ€rtlich: »Alle 5000 Jahre glĂŒckt es!«
»Ich sprach von den Undinen-Wesen, die sich nach
einer Seele sehnen.« Er geht an das Klavier, spielt das
Klage-Thema »Rheingold, Rheingold«, fĂŒgt
hinzu: »Falsch und feig ist, was oben sich
freut.« »Daß ich das damals so bestimmt gewußt habe!«
– – Wie er im Bette liegt, sagt er noch:
»Ich bin ihnen gut, diesen untergeordneten Wesen der
Tiefe, diese[n] sehnsĂŒchtigen.«

Cosima TagebĂŒcher, Bd 2, 1106
– Ende der Aufzeichnungen Cosima Wagners. Über
den Tod Richard Wagners am 13. Februar
1883. RW stirbt am 13.
Febr. Palazzo Vendranin in
Venedig und wird am 16. Febr. ĂŒber MĂŒnchen nach
Bayreuth ĂŒberfĂŒhrt, wo am 18. Febr. seine Beisetzung
im Garten der Villa Wahnfried erfolgt.

[Turin, etwa 25. Dezember 1888]

Verehrte Frau,

im Grunde die einzige Frau, die ich verehrt habe …
lassen Sie es sich gefallen, das erste Exemplar dieses
Ecce homo entgegenzunehmen. Es wird d[a]r[in] im
Grunde alle Welt schlecht behandelt, Richard
W[agner] ausgenommen – und noch Turin. Auch
kommt Malvida als Kundry vor …

Der Antichrist.

N, BW 301

[03. 01. 1889]

Man erzĂ€hlt mir, daß ein gewisser göttlicher Hanswurst
dieser Tage mit den Dionysos-Dithyramben fertig geworden ist

[Turin, 3. Januar 1889]

2. Variante

An die Prinzeß Ariadne, meine Geliebte.

Es ist ein Vorurtheil, daß ich ein Mensch bin. Aber
ich habe schon oft unter den Menschen gelebt und
kenne Alles, was Menschen erleben können, vom
Niedrigsten bis zum Höchsten. Ich bin unter Indern
Buddha, in Griechenland Dionysos gewesen, –
Alexander und Caesar sind meine Inkarnationen,
insgleichen der Dichter des Shakespeare Lord Bakon.
Zuletzt war ich noch Voltaire und Napoleon, vielleicht
auch Richard Wagner … Dies Mal aber komme ich
als der siegreiche Dionysos, der die Erde zu einem
Festtag machen wird … Nicht daß ich viel Zeit
hĂ€tte … Die Himmel freuen sich, daß ich da bin …
Ich habe auch am Kreuze gehangen …

N, Briefentwurf an Cosima, BW, 301

[Turin, 3. Januar 1889]

Dies breve an die Menschheit sollst du herausgeben,
von Bayreuth aus, mit der Aufschrift:
Die frohe Botschaft.

Jan-Peter E.R. Sonntag: "Lido"

Jan-Peter E.R. Sonntag: "Lido"

Jan-Peter E.R. Sonntag: "Lido"

Jan-Peter E.R. Sonntag: "Lido"



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