ddt podcast 042 - Scherbe - Cynetart Special

DJ Mix by Scherbe

cover mix by scherbe


01. Mohn - Saturn
02. Zavoloka - Moment Of Serenity Flows
03. Terre Thaemlitz - Bonus Canto 1 (K-She Remix 2)
04. Mental Overdrive - My House (Album Version)
05. Boska - My Babe
06. Charlotte Bendiks - Afterhours
07. Filastine - Hypnotico
08. Deadbeat - Punta De Choros
09. Kodek - Makaroni & Cheeze
10. ELVI/DUNIAN - Let´s Take It Snow

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Gespräch zum Mix, es sprechen die zwei Protagonisten der Cynetart Thomas Dumke (td) und Parmon (pm).

pm: Das Musikprogramm ist dieses Jahr über viele Locations verteilt, aufgeteilt, es gibt viele Satelliten, teilweise mit parallelem Programm. Was geht? Wie kommts?

td: Naja, durch die Straßen ziehen und auf Orte zu stoßen, bei denen man bleiben will, ist wohl vergleichbar wie nach guter Musik zu suchen. Es gibt ein vielseitiges Angebot, aber nur ein Teil davon trifft dein Herz.

pm: Let's talk about hearts! > ) (Oder auch nicht, weil es schwer ist, darüber zu sprechen.) Es klingt zum einen nach Bewegung, nach Aufbruch, nach Suche, zum anderen nach Fragmentierung. Ist das hier die eigentliche, wirkliche und wahre 'Waldschlößchenbrücke', die Du hier mit der Programmgestaltung 2012 baust? > ) Im Sinne davon, das 'driftende Herz' mit dem konträren Verstandesleben als Output einer Jahresarbeit zu verbinden? Wenn ja, dann verstehe ich es als Harmonieversuch zwischen diesen beiden so disparaten Welten.

td: Die CYNETART ist kein reines Musikfestival, lebt aber von der Dynamik der Musik- und Lifestyle-Kultur, die sicher nicht in den großen Spielhäusern heimisch ist und dort auch nur inszeniert werden kann. 'Bridging' meint dabei, die eigenen Grenzen durch den Aufbau und Nutzen von Kontakten und Kooperationen aus unterschiedlichsten Feldern zu überschreiten, um gemeinsam etwas zu machen, dessen Qualität durchaus eine andere sein kann, weil es bisher in der ein oder anderen Form nicht gemacht wurde. Die Errichtung temporärer Projekträume für die Erprobung kreativer Interaktions-Umgebungen in Orte, die eher der Wochenendzerstreuung dienen; öffentliche Performances auf der freitäglichen Mitternachtshektik der Neustadt; Live Radio aus der Neustadt für das österreichische Publikum; Live-Konzerte Samstag Nacht mit Gästen aus Riga; und Augmented Reality von Dresdner Bürgern; alles ganz dicht und unmittelbar und exemplarisch demonstriert, wie Künstler und Stadtbewohner auf ihre Art und Weise sich mit neuen Medientechnologien beschäftigen und sich im öffentlichen Raum äußern.

pm: ja, so wie ich letztens auch wieder die Meinung las, dass sich die Künste gegenseitig beinflussen und auch brauchen, was ich auch unterschreiben würde, so ist dieses 'Brückenschlagen' ein bewegendes Wege-ziehen. Aber leben wir nicht viel eher in einer Zeit der Bunker? > ) Und das auch gleich im mehrfachen Sinne? Angefangen mit dem offensichtlichen Klimaveränderungen, weiter zu institutionalisierten Bunkern, noch weiter zu 'my home is where my computer is' bis hin zur Abkapselung 'smarter' Geräte in eigene, versucht undurchsichtige Software-Umwelten. Auch die sich stärker fragmentierende Subkulturisierung könnte man unter einem Bunker-Begriff deuten.

In der Welt der Musik habe ich momentan den Eindruck, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, um mal diesen alten Spruch zu bemühen. Es ist so viel zu hören und zu laden, dass man sich eigentlich oft verloren vorkommt. Ein ozeanisches Gefühl des haltlosen Driftens in der Menge. Im Rauschen der Wellen schwimmend suchend nach den Inseln, den bebunkerten > ) Und so driften wir schon wieder durch Raum und Zeit, während sich die Erinnerung an den Musiker 'Mental Overdrive' im Gehirn neu positioniert.

...

Du kommst ja nun auch viel herum, schlägst mit diesem Festivalnetzwerk, dessen Name bzw. Akronyme die umständlichsten und nervigsten der letzten Zeit sind, > ), wieder auch Brücken über den ganzen Planeten hier. In diesem Jahr kommen musikalische Gäste aus Kanada, Litauen, Japan und Norwegen zum Festival.

td: Naja, »Bunkern« hat sowas zweideutiges: einmal Verschanzen zur Abwehr und einmal bewusstes Anhäufen, weil etwas knapp ist. Da gab es doch dieses Jahr diese Verfilmung von Don DeLillos Roman »Cosmopolis« durch Cronenberg. Da fährt Eric Packer, 28 Jahre alt - Milliardär und Spekulant, in seiner Limousine durch die Straßen Manhattans. Die Limo selbst, schirmt ihn und seine temporären Begleiter ab. Was vor den Fenstern der Limousine vonstatten geht, lässt ihn völlig kalt. Wie auf einem Thron fährt er anonym durch die Straßen und ist sich seiner Souveränität über die Wirklichkeit bewusster als all die Anderen außerhalb. Im Grunde ein mobiler Bunker der Verkörperung von Macht.

Was beeinflusst uns denn in der Wahrnehmung des musikalischen Angebotes? Die Toplists der Meinungsmacher, der Plattenladen, das Ausgehen in den Clubs dieser Welt? Letzteres ist doch immer noch das Interessantere. Dieses »Festivalnetzwerk, dessen Name bzw. Akronyme die umständlichsten und nervigsten der letzten Zeit sind« hat uns einiges möglich gemacht. Wir waren gemeinsam unterwegs und haben gemeinsam die Städte unsicher gemacht. Jede Stadt hat seine Eigenheiten. Manche Rituale sind global die gleichen (After Hour). Nun, das prägt und schweisst zusammen: ICAS-City in Dresden bringt den Sound aus Tromsö, Riga und Montreal.

pm: Ja, DeLillo's Buch ist ein gutes Beispiel. Er sitzt ja nicht nur abgeschnitten in seiner Welt, sondern ist ja auch zugleich mit der ganzen Welt elektronisch verbunden und spielt mit ihr. Joseph Vogl analysiert das Buch passend in seinem Buch "Das Gespenst des Kapitals" als den Weg des Vereinzelten als einer Art Odyssee, das Heimkommen suchend. Das sind genau die aktuellen Phänomene, in denen der Bunker halt auch als eine Art logisches Angebot steht. Da muss man gar nicht weit fahren, um zu erkennen, das es so ist. Letztendlich ist es ein Driften im "Ozean", die Plattenläden, Labels und Clubs sind die Inseln, an denen man Luft holen kann. Ihre und aller Dinge Zeitweiligkeit konnte ich auch heute wieder beim Zeitungslesen erkennen, als in einer Randnotiz das Ende des letzten Büros der Chip-Firma AMD in Dresden erwähnt wurde. War das nicht der große Name vor ein paar Jahren, der Aufhänger des Silicon Saxony? Es ist so flüchtig und die Stadt und das Land klammern sich an diese flüchtigen Strohhalme. Die Dauer ist eine Illusion, umso schöner, wenn die Welt zusammenrückt. Ich fühle mich aber meistens, auch im Angebot an Festivals und Events 'erschlagen', wobei ich diese urbane 'Überwältigung' dem suchenden 'Leerraum' im ländlichen Raum vorziehe. Aber das Gefühl, alles machen zu können, bringt dann oft auch zur 'Handlung', nichts zu machen. Im Grunde ist es genauso, wenn man aus zig Musiktiteln auswählen muss, um einen Musik-Mix zu machen. Scherbe hat das hier wunderbar hinbekommen. Ein wunderbarer Mix, bei dem ich mir wünschte, ich hätte ihn gemixt > ). Fehlt nur noch ein 'Segelboot' und ein neues Nomadentum dazu. Oder Tanzen... die essentiellste Philosophie des Lebens überhaupt! Das kunstvolle Bewegen in einer Welt, in der alles in Bewegung ist.

www.uncannyvalley.de/artists/scherbe
Website bei DoubleD-Town


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