CYNETART
A U S S T E L L U N G   2 0 1 2
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
15. - 21. November (montags geschlossen)
Ort: Festspielhaus Hellerau (Karte)
5/3€ (in Kombination mit Abendkarte frei)

DO, 15.11. 18 bis 23 Uhr
FR, 16.11. 18 bis 23 Uhr
SAM, 17.11. 14 bis 23 Uhr
SON, 18.11. 14 bis 20 Uhr
MO, 19.11. geschlossen
DIE, 20.11. 18 bis 23 Uhr
MI, 21.11. 14 bis 20 Uhr

PERFORMANCE von E-ansã an folgenden Tagen:
Do. 15., Fr. 16. & Sa. 17. November je 19 bis 23 Uhr



Folgende Arbeiten werden ausgestellt:

Kerstin Ergenzinger
Rotes Rauschen Skulptur
Die bewegliche Skulptur misst und übersetzt feinste Erschütterungen und Unruhe.
Details
The sculptural sense organ measures and translates ambient noise and unrest.

Ricardo O’Nascimento
E-ansã Performance
E-ansã reagiert auf die Spürbarkeit von Handy-Signalen.
Details
E-ansã reacts to the presence of cell phone frequency signals.

Nika Oblak & Primož Novak
Sisyphus Actions pneumatische Video Installation / pneumatic video installation
Wir sind von unseren täglichen Routinen und künstlich produzierten Konsum-Bedürfnissen gefangen.
Details
We are trapped by our daily routine and artificially produced consumerist needs.

Maja Smrekar
Hu.M.C.C. - Human Molecular Colonization Capacity Installation
Mitwirkende: Dr. Špela Petric
Im Kontext kommender Nahrungmittelknappheiten stellt Hu.M.C.C. grenzwertige Fragen.
Details
In the context of potential global food deficit in the future Hu.M.C.C. touches delicate issues.

Verena Friedrich
Cellular Performance
Sprache im Zeitalter der Vermarktung von auf den Körper abzielenden Konsumgütern.
Details
Language in the age of body-related consumer products using pseudo-scientific language.

Philipp Artus
Snail Trail 3D-Laser-Animation
Folge dem leuchtenden Schnecken-Pfad.
Details
Follow the phosphorescent snail trail.

Julius Stahl
Wellenfelder Installation
Die tiefakustische Welt am Draht.
Details
The deep spectrum World on a Wire

Marcel Helmer
Technology Addiction Gerät / Prototyp
Ein philosophisches Gerät, dass Abwesenheit fühlen lässt.
Details
A philosophical device, pointing to the rare occasions of technological deprivation.

Marcel Helmer
Nearness Metaphysisches device / prototyp
Ein philosophisches Nähe-speicherndes GeistesGerät.
Details
A philosophical device storing the nature of a human touch.

Dik Sum Man
61 Video
Dokumentation eines Happenings auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking am 2. 10. 2010.
Details
Documentation of happening that took place in Tiananmen Square on 2nd October 2010.

Carolin Weinert
»teer me apart« Videoperformance
Hybrid zwischen Verurteiltem und Spaßmacher, Schauobjekt und Beobachter.
Details
hybrid between convict and jester, object of attraction and observer.

Details:






Kerstin Ergenzinger
»ROTES RAUSCHEN«


Installation, 2012
in Zusammenarbeit mit Thom Laepple
Skulptur 270 × 70 × 50 cm;
Expandiertes Polypropylen (EPP), Nitinoldraht Silikon, Karbon, Pigment,
Waage und Seismometer: Aluminium, Kupfer, Messing, Stahl; Steuer- und Leistungseinheit
www.nodegree.de

- produziert mit dem Stipendium f√ľr Medienk√ľnstlerinnen des Ministeriums f√ľr Familie, Kinder, Kultur und Sport des Landes NRW 2011,
betreut und unterst√ľtzt vom HMKV Hartware MedienKunstverein Dortmund
- sowie mit freundlicher Unterst√ľtzung von Stefan Niermann igus GmbH und Dynalloy, Inc.

Rotes Rauschen * verbindet ein bewegliches, skulpturales Objekt mit einem Seismometer. Die Installation vermisst und übersetzt gleichermaßen feine Bodenerschütterungen, die den Erdboden als mikroseismische Aktivitäten kontinuierlich durchziehen und ihn in einen steten Unruhezustand versetzen. Ebenso reagiert die Skulptur auf Bodenbewegungen, welche durch die Betrachterinnen verursacht werden, die bei ihrem Eintreten die Gewichtsverteilung im Raum verschieben.
An die Senkrechte einer Wand im Ausstellungsraum ist das umgelenkte Pendel eines Seismometers angebracht, dessen horizontale Basis die Bodenfläche ist. Im Zentrum schwingt, balanciert und pendelt die kinetische Skulptur, die als Waage über Umlenkrollen mit einem ihr entsprechenden Gegengewicht aufgehängt ist. Das skulpturale Objekt bildet einen gekrümmten Körper, der, obwohl technoid, wie ein getrocknetes Blatt oder abgeschälte Baumrinde, an etwas unbestimmbar Natürliches denken lässt. Es wird durch drei um den Schwerpunkt angebrachte, gleichlange Nitinoldrähte bewegt. Diese verkürzen und dehnen sich analog zu den empfangenen Signalen aus bzw. ziehen sich wieder zusammen. Die dünne EPP-Schalung biegt sich durch die Kontraktion der Drähte, rollt sich zusammen oder streckt sich nach außen, wobei sie Töne erzeugen, die durch den Resonanzraum der Skulptur verstärkt werden.

Auf diese Weise übersetzt Rotes Rauschen die gemessenen Bodenschwingungen in Bewegung und Geräusche, die sie für uns erst erfahrbar machen. Ähnlich einem Ohr horcht die Skulptur in den Raum hinein, erkundet und reflektiert seine Verfasstheit. Dabei verbindet sie lokale und globale Impulse miteinander, wodurch Raum und Ortsspezifik aus einer örtlich beschränkten Vorstellung gelöst und in einen übergeordneten Kontext eingebettet werden.

* Rotes Rauschen, z. B. mikroseismische Schwingungen oder Infrasounds, ist eine Eigenschaft natürlicher Phänomene, in denen niedrige, langsame, Frequenzen stärker ausgeprägt sind als im gleichmäßig verteilten weißen Rauschen.

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Ricardo O’Nascimento
»E-ANSë

2010, Performance
www.popkalab.com

PERFORMANCE::: an folgenden Tagen:

am 15.11., von 19 bis 23 Uhr
am 16.11., von 19 bis 23 Uhr
am 17.11., von 19 bis 23 Uhr

während der Ausstellungszeiten als Installation

DAS KONZEPT

Der Titel e-ansã stammt vom Namen einer Gottheit: der Orisha Iansan. Sie ist ein Geistwesen innerhalb der afrobrasilianischen Religion Candomblé. Iansan steht mit den Winden, Hurrikanen und Stürmen in Verbindung und besitzt die Macht, diese Naturgewalten zu kontrollieren. Das Kleid besteht aus einem Aluminiumgestell, an dem Ventilatoren angebracht sind. Dieses Gestell ist von Hunderten von Stoffbändern in Rot, Orange und Gelb bedeckt – als Verweise auf die Farben Iansans. Diese Bänder werden als »fitinhas do Senhor do Bonfim« bezeichnet und finden in Brasilien in religiösen Kontexten Verwendung; hauptsächlich im Bundesstaat Bahia. Erstmalig tauchten sie 1809 als kirchliche Andenken auf, welche die Gläubigen wie Ketten um ihre Hälse trugen, also an der gleichen Stelle, an der Heiligenfiguren und Medaillons getragen werden. Die Bänder übernahmen auch die Funktion einer Währung: nachdem ein Gebet erhört wurde, gaben die Gläubigen der Kirche eine Fotografie oder eine kleine Bienenwachsplastik, die den Körperteil repräsentierte, der mit Hilfe des Heiligen geheilt worden war. Die Bänder wurden so als Souvenirs des Gnadenaktes erworben und sie symbolisierten die Kirche selbst.

Heute ist es üblich, die Bänder ums Handgelenk zu tragen, wobei drei Knoten für drei Wünsche stehen. Die Armbänder sind in allen Farben erhältlich, dabei repräsentiert jede Farbe einen anderen Heiligen. Sie tragen die Aufschrift: »Lembrança do Senhor do Bonfim da Bahia«, was »in Erinnerung des Erlösers von Bahia« bedeutet. (Jesus ist der »Senhor do Bonfim«, also »Unser Herr eines guten Endes«). Ein Band misst 47 cm, entsprechend der Länge des rechten Arms eines Christusstandbildes in der Senhor do Bonfim Kirche in Bahia. Das Band wird mit drei Knoten um das linke Handgelenk gebunden, wobei jeder Knoten einen Wunsch symbolisiert. Sobald ein Band von allein abfällt, werden die Wünsche in Erfüllung gehen. Es ist unklar, wann der Übergang zwischen dem traditionellen und dem neuen Brauch stattfand, bei dem die Bänder am Handgelenk getragen werden. In jedem Fall wuchs die Beliebtheit der neuen Bänder durch die Straßenverkäufer in Salvador während der 1960er Jahre, als es auch von Hippies in Bahia als Teil ihres Kleidungsstils übernommen wurde. Religion, unsichtbare Kräfte, Tradition und Technologie vermischen sich in Ricardo O’Nascimentos Kleid, das er mit der Absicht entwarf, bei den Betrachtern das Bewusstsein für Elektrosmog zu steigern – besonders im Hinblick auf die zunehmende Nutzung von Mobiltelefonen. Vielleicht könnte die moderne Iansan auch die elektrischen Felder beherrschen.

Das Kleid ist mit 110 Computerventilatoren, vier Antennen, Batterien und einem Mikrocontroller ausgestattet. Das Erkennungssystem untersucht die Atmosphäre durchgängig auf Wellen, die durch Handys ausgesendet werden, und spürt diese gegebenenfalls auf. Diese Informationen werden an einen Mikrocomputer geschickt, der wiederum die Ventilatoren aktiviert. Diese lassen dann die Stoffbänder des Kleides wehen.

This work was possible due to the Lab MIS residency program [MIS] and with the support of Governo do Estado de São Paulo.

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Nika Oblak & Primož Novak
»SISYPHUS ACTIONS«

2011, Format: pneumatische Video Installation
www.oblak-novak.org

Sisyphus Actions ist eine pneumatische Videoinstallation, die aus drei bis sechs Elementen besteht, in denen die beiden Künstler als Darsteller auftreten, die monotone, maschinenartige, scheinbar zwecklose Handlungen immer wieder vollführen. Eine absurd-surreale Situation, in denen Menschen in Alltagsroutinen und künstlich geschaffenen Konsumbedürfnissen gefangen sind. Unsere Zeit und unsere Handlungen werden vorausgeplant und überwacht. In uns wird das Begehren nach Gütern geweckt und wir häufen mehr Besitztümer an, als wir je brauchen werden. Während wir in unserem Ichbezug verbleiben, arbeiten wir immer mehr, um mehr kaufen zu können. Wir mögen uns so fühlen als hätten wir das Sagen. Aber stimmt das? Jedes Element der Installation besteht aus einem Metallrahmen, rotem Gummi, einem LCD-Fernseher, einem pneumatischen Mechanismus, Elektronik, einem Druckluftkompressor, einem Computer und Lautsprechern. Speziell entworfene Software sorgt für die Synchronisierung der Pneumatik mit den Videos, wodurch aus dem 2D-Bild eine raumgreifende Installation wird.

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Maja Smrekar
»HU. M. C. C. – HUMAN MOLECULAR COLONIZATION CAPACITY «

2012, Installation
Mitwirkende: Dr. Špela Petri
majasmrekar.org

KONZEPT

Smrekars Projekt betrachtet die Folgen einer möglichen weltweiten Nahrungsknappheit und dem drastischen Wertverlust materieller Waren. Sie widmet sich der Frage, ob die Produktionskapazität menschlicher Moleküle in der DNA, eine der wenigen unerschlossenen biotechnologischen Materialien, auf Grundlage eines Systems genetischen Guthabens zu einem Handelsinstrument werden könnten. Könnten solche Produktionsverfahren zum nächsten Stadium der kulturellen Evolution führen? An der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst und im Spannungsfeld von Produktionsmitteln und der Zivilgesellschaft stellt sich die Frage, wer die Verantwortung für unseren Körper trägt. Besitzen wir unseren Körper oder bewohnen wir ihn nur?

STELLUNGNAHME DER KÜNSTLERIN

In unserer Arbeit Hu.M.C.C. betrachten wir die biotechnologischen Verfahren der Lebensmittelherstellung und nutzen diese für die Entwicklung einer völlig neuen Produktlinie: Maja YogHurt – als ein Hybrid zwischen einem künstlerischen Readymade und einem zum Verzehr geeigneten Joghurt. Dieses Produkt ist mit Gel angereichert, für dessen Herstellung ein Enzym der Künstlerin zur genetischen Veränderung eines Mikroorganismus eingesetzt wurde. Damit wird der Sozialdarwinismus – auf die Lebensmittelindustrie gemünzt – erfahrbar. Die Zubereitung des Produkts, die in einem Workshop durchgeführt wird, lädt das Publikum zur Partizipation, zum Meinungsaustausch ein. Hu.M.C.C. verweist auf das Konzept der Verschwendung von Produktivkraft, die von Karl Marx analysiert wurde, der die zunehmende Kapitalanhäufung mit dem tendenziellen Profitverlust in Verbindung brachte.

Mit Blick auf die technologischen Innovationen und der damit verbundenen Ausschöpfung der Arbeitszeit, untersucht Hu.M.C.C Mikroorganismen, die Milchsäure herstellen – einer der meistverwendeten Zusatzstoffe der heutigen Lebensmittelindustrie. Nach der künstlichen Kreuzung des genetischen Codes der Künstlerin mit dem eines speziellen Hefepilzes wurde dieser Mikroorganismus durch die neu kombinierte DNA genetisch verändert. In dieser Arbeit beschäftigt sich Smrekar mit dem sogenannten »Soylent Green«-Paradigma, bei dem die Furcht vor Umweltkatastrophen in eine subtile Kritik am Unternehmenskannibalismus umschlägt.

Während Thomas Robert Malthus die These vertrat, dass die Bevölkerung Druck auf die Produktionsmittel ausübte, weshalb es nicht genug Geld und Lebensmittel für alle gäbe, ging Marx umgekehrt davon aus, dass die Produktionsmittel Druck auf die Bevölkerung ausübten. Dieses Paradigma zeigt die Möglichkeiten einer Zukunft auf, in der wir die molekularen Kapazitäten unserer Körper zur Lebensmittelherstellung ausschöpfen könnten.

DIE INSTALLATION
Die Installation wird in einem öffentlichen Raum aufgebaut und Flaschen mit Maya YogHurt werden in einer Vitrine präsentiert. Die Künstlerin trägt eine »Uniform« mit dem Produktlogo und zudem preisen großformatige Poster das Produkt an.

Ein Plasmabildschirm zeigt einen Werbespot für Maya YogHurt, der auch auf Facebook und in einem Blog zu sehen ist. Eine Webseite, die gerade noch im Aufbau begriffen ist, erklärt das Projekt im Detail und fokussiert geistes- und naturwissenschaftliche, sowie transdisziplinäre Felder. Der Joghurt wird in durchsichtigen 100-ml-Mehrwegflachen dargeboten. Er ist weiß, aber mit blauen und roten Gelkapseln versetzt, die aus dem genetisch veränderten Mikroorganismus hergestellt wurden. Freiwilligen ist es möglich das Produkt zu sich zu nehmen.

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Verena Friedrich
»CELLULAR PERFORMANCE«

Sprache und Materialität im Zeitalter der Biowissenschaften
heavythinking.org

Seit einigen Jahrzehnten ist ein gewisser Trend im Hinblick auf Körper- und Pflegeprodukte zu beobachten. Waren diese einst vor allem darauf ausgerichtet, den Körper zu schützen, zu pflegen und instand zu halten, werden sie heute oft in der Nähe von pharmazeutischen Produkten positioniert. In Marketing und Werbung ist die Rede von »Cosmeceuticals« mit »bioaktiven« Inhaltsstoffen – Hybridprodukte zwischen Kosmetik und Arznei, welche die potentielle Manipulation, Verjüngung und Verbesserung des Körpers in Aussicht stellen. Beworben werden diese Produkte mit einer Sprache, die sich pseudo-wissenschaftlicher und -fachsprachlicher Formulierungen bedient. Die Kontrolle biologischer Prozesse beschwörend, zielen diese Produkte nicht auf den Körper als Ganzes, sondern vielmehr auf seine zellulären und molekularen Dimensionen.

Aktuelle bio-wissenschaftliche und -medizinische Entwicklungen haben zur Entstehung eines neuen Körperbilds beigetragen. Der Körper erscheint nicht mehr als »individuell« (lat.: unteilbar), sondern als »Dividuum« – er kann in seine kleinsten Bestandteile zerlegt werden. Neben Körperteilen, Organen und Blut können Zellen vom Körper isoliert werden und zwischen Körpern zirkulieren. Im Zuge der Verschaltung von Ökonomie und Biowissenschaften werden sie zur Ware – zum tradierbaren »Wertstoff« – und im weiteren gesellschaftlichen Kontext auch zum Träger von Hoffnung auf Gesundheit, Heilung und mehr Lebenszeit; vielleicht sogar auf einen todlosen Körper.

Wurde die Medizin im 19. Jahrhundert vorrangig vom Staat kontrolliert, kommt es heute zunehmend zu einer unternehmensförmigen Privatisierung, in der sich Ökonomisierung und Individualisierung verschränken. Patienten werden zu Konsumenten, die sich Gesundheit in Form von Produkten erkaufen können. Anstelle der Disziplinierung und Regulierung von Individual- und Bevölkerungskörper durch Institutionen und Staat tritt eine Art der »Selbst-Kontrolle«, die einerseits Freiheit und Selbstbestimmung suggeriert, jedoch andererseits auch neue Zwänge schafft: Die Verantwortung für die eigene Gesundheit und die Verpflichtung zur Selbst-Sorge. Diese Überkreuzung von Ökonomisierung und Individualisierung findet unter Anderem in der anfangs erwähnten Werbesprache ihren Ausdruck. Diese appelliert ans Individuum und subjektiviert die/den Angerufene/n als ein »Selbst« mit der Verpflichtung, für sich Sorge zu tragen. Werbung verspricht Individualität und Besonderheit, die es sich zu erarbeiten gilt. Zugleich stilisiert sie den Körper als verbesserungsfähige »Biomasse«, die durch den Kauf bestimmter Produkte optimiert werden kann.

GERADE IN DER WERBUNG WIRD SPRACHE VORWIEGEND INSTRUMEN-
TELL EINGESETZT, DOCH SIE HAT AUCH EINE »PERFORMATIVE« KRAFT.

Sprache beschreibt nicht nur, sondern hat Handlungscharakter und kann gewisse Transformationen in der materiellen Welt bewirken (wie den Konsumenten zum Kauf anzuregen, oder eine erfassbare und machbare Zukunft ins Leben zu rufen). Die Tatsache, dass Sprache eine Form von Handlung ist, bedeutet allerdings nicht, dass sie auch tut, was sie sagt. Sprache ist ständig »im Werden«. Sie verändert ihre Bedeutung im Akt des Sprechens, ist abhängig vom situativen Kontext und Träger von Geschichte. So trägt sie immer bereits Bedeutungen in sich, die aus vergangenen Semantisierungsprozessen stammen und die im Akt des Sprechens aufgerufen werden. Ihre Effekte lassen sich daher nie vollständig antizipieren und kontrollieren.

Ähnlich der Sprache changiert auch das »Zellmaterial« zwischen seiner instrumentellen Nutzung einerseits und seinen performativen Qualitäten andererseits. Im Kontext der Biowissenschaften wird versucht, das zelluläre »Material« unter Kontrolle zu bringen, um an und mit ihm zu arbeiten. Als Objekt der Forschung wird »die Zelle« verdinglicht und so zum Träger von Kodierungen und Bedeutungen. Nur durch bestimmte Stabilisierungsprozesse im Labor kann sie überhaupt als Werkzeug verwendet werden. Auch Zellen sind ständig »im Werden« – sie verändern sich dauernd in ihrer aktuellen Daseinsweise. Im Grenzbereich zwischen Leben und Tod, zwischen Autonomie und Abhängigkeit, zwischen Stabilität und Fragilität, hat das Zellmaterial etwas Unvorhersehbares an sich, das sich der vollständigen Kontrolle entzieht.

»Cellular Performance« will der instrumentellen Anwendung von Sprache und Zellmaterial ein künstlerisch-poetisches Modell entgegenstellen. Durch Verfahren der Aneignung und Überhöhung von Technik sowie der Re-Kontextualisierung und Re-Kombination des Materials entsteht ein kritischer Moment, der festgefahrene Strukturen aufsprengen kann, indem er performative Spielräume sichtbar macht und neue Handlungsräume eröffnet.


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Phillip Artus
»SNAIL TRAIL«

2011, Installation
Idee, Animation, Objekt: Philipp Artus
Musik: Madalena Graça
Eine Produktion der Kunsthochschule für Medien Köln
www.philippartus.com

Eine Schnecke erfindet das Rad und durchläuft eine kulturelle Evolution der Beschleunigung, um schließlich wieder zu ihrem Ursprung zurückzukehren.

Eine Laser Animation wird um 360 Grad auf eine Säule projiziert, um die der Betrachter herumgehen muss, um dem Lauf der Schnecke zu folgen. Die Projektionsfläche ist aus phosphoreszierendem Material, wodurch die Schnecke eine nachleuchtende Lichtspur hinterlässt.

Die Arbeit ist aus meiner Beschäftigung mit Frühgeschichte heraus entstanden. Dabei faszinierte mich, wie sich exponentielle Beschleunigungsprozesse auf verschiedenen Ebenen beobachten lassen. Die Evolution der Lebewesen verläuft über 3,8 Milliarden Jahre extrem langsam, bis sie im Kambrium plötzlich »explodiert«. Die Werkzeuge der Menschen entwickeln sich während der gesamten Steinzeit kaum, bis es im Holozän zu einer rasanten kulturellen Entwicklung kommt. Ein ähnlicher kultureller Beschleunigungsprozess lässt sich heutzutage in der Entwicklung des Internets beobachten. Die exponentielle Spirale auf dem Schneckenhaus erscheint, so gesehen, fast wie ein wundersames Augenzwinkern der Natur. Ein anderes Phänomen, das mich bei der Arbeit interessierte, war der Einfluss der jeweiligen Umgebung auf ihre Lebewesen. In der Animation muss die Schnecke ihre Fortbewegungsart jeweils auf die sich wandelnde Linie abstimmen. Dieses Prinzip lässt sich etwa in Darwins Evolutionstheorie beobachten, in der bei den Arten über viele Generationen Anpassungen an ihre Umweltbedingungen entstehen. Anderseits lässt es sich aber auch im täglichen Leben erfahren, da natürlich jeder Ort das Verhalten und die Kommunikation von Menschen beeinflusst.

Durch die nachleuchtenden Lichtspuren sehen die Betrachter gleichzeitig was passiert, was passiert ist und was passieren wird. Diese Reflexion über Zeit wird in der endlos zyklischen Struktur der Arbeit weiterentwickelt. Der wiederkehrende Puls aus Licht und Klang erinnert an periodische Phänomene in der Natur, wie Ebbe und Flut oder die Jahreszeiten.

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Julius Stahl
»WELLENFELDER«

Installation 2012 | Draht, Leinwand, Sinustöne, Elektronik
www.juliusstahl.de

Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und die Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.

Die Installation bildet eine Raumkonstruktion, die ein Klanggebilde aus Sinuston-Glissandi visuell erfahrbar macht. Die Töne zeigen sich in Form von wellenförmigen Resonationen, die an Drähten sichtbar werden. Drei Leinwände wurden mit 4200 Drähten bestückt. Die Drähte werden von Sinustönen in Frequenzen unter der menschlichen Hörschwelle zur Resonation gebracht, die in auf- und absteigenden Glissandoläufen Klangbewegungen über die Felder von Drähten sichtbar machen. Ihr Frequenzbereich liegt zwischen 18 und 20 Hertz. Frequenzen in diesem Bereich werden vom Menschen nicht als Ton wahrgenommen. Dennoch entsteht in der visuellen Wahrnehmung unmittelbar eine klangliche Vorstellung – Eine in sich bewegte Mikropolyphonie.

Die Installation zeigt Klang als Bewegung zwischen Sichtbarem und Hörbarem – eine Oszillation zwischen den Sinnen. Eine Schwelle der Wahrnehmung am Übergang von Bewegung zum Klang.

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Marcel Helmer
»TECHNOLOGY ADDICTION«

marcelhelmer.de

Es vergeht keine Sekunde, in der nicht die Emails gechecked oder eine Nachricht getippt werden kann. Ohne Smartphone gehen die meisten Menschen gar nicht erst aus dem Haus und selbst während Besprechungen, Konferenzen oder sogar einfachen Gesprächen verkriechen sich immer mehr Menschen hinter den Bildschirmen ihrer Laptops und iPhones. Die Analogie dieses suchtartigen Verhaltens liegt auf der Hand. Natürlich ist es keine körperliche Abhängigkeit, sondern eine psychologische, die aber selten als solche erkannt wird, weil sie doch so unscheinbar wirkt. Ich versuche diese emotional-geistige Bindung in einen körperlichen Reiz zu übersetzen, um ihr den Ausdruck und das Bewusstsein zu geben, welches sie eigentlich in unserer Gesellschaft und in jedem von uns inne hat. Dabei sind es nicht die Momente, in denen die Sucht befriedigt wird, die ich betonen möchte. Diese Momente sind wenig außergewöhnlich und entsprechend dem Alltag, in dem das Bedürfnis nach elektronischer Interaktion ohne große Mühe lückenlos gestillt werden kann. Es ist die Ausnahme aus diesem Alltag, die dem Träger seine Bindung vor Augen zeigt und bewusst macht. Je vernetzter die Welt ist, desto seltener sind diese Momente der elektronischen Isolation, und umso stärker stellt sich der Kontrast zwischen Befriedigung und Entzug dar.

Die thematische Bearbeitung von Technologie durch die Technologie selbst. Das martialisch anmutende Äußere der Fessel erweckt den Eindruck eines groben, durch seine Farb- und Materialwirkung aber dennoch wertvoll wirkenden Instruments. Die offensichtliche Mechanik steht im Kontrast zur verborgenen Feinelektronik der Geräte, die ihr entgegenstehen. Das Bild der Fessel, als Synonym der Verkettung zwischen User und seinen elektronischen Devices.

Zugleich soll das Gerät dem Träger die Möglichkeit geben, seinen eigenen Konsum zu reflektieren. Die Programmierung erlaubt es ihm, seinen täglichen Konsum zunehmend zu verringern und durch die Verringerung seiner täglichen Dosis auch dem ausgeübten Druck zu entgehen.

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Marcel Helmer
»NEARNESS«

marcelhelmer.de

Eine Ber√ľhrung kann so viel mehr transportieren als ein Bild oder sogar ein Gespr√§ch. Sie kann so viel pers√∂nlicher und zugleich bedeutungsvoll sein. Die W√§rme unseres K√∂rpers ist eine wahrnehmbare Empfindung, die wir in unserem Leben nur mit wenig Menschen teilen. Und w√§hrend sie so pers√∂nlich und wertvoll erscheint, ist sie zugleich sehr verg√§nglich und beschr√§nkt. Nur wenige Zentimeter entfernt, und sie ist nicht mehr sp√ľrbar. Die W√§rme auf dem Kissen neben uns ‚Äď zur√ľckgelassen von einer geliebten Person ‚Äď verschwindet innerhalb von Minuten und ist verloren. Technologie versucht seit jeher, Menschen zu verbinden. Sie verwendet die M√∂glichkeiten unserer Augen, Stimmen und Ohren um Kommunikation √ľber Distanzen zu erm√∂glichen. Doch die Allt√§glichkeit dieser Kommunikation verdr√§ngt die empfundene N√§he.

¬ęNearness¬ę versucht, diesen verloren Moment der Kommunikation in einer minimalistischen, emotionalen Art und Weise aufzugreifen. Die Ber√ľhrung selbst wird zum Mittel der Interaktion mit dem Objekt. Der Moment, wenn es nah am K√∂rper, in beiden H√§nden gehalten wird, Zeit vergeht, und sobald die Ber√ľhrung gel√∂st wird, dieser Moment im Inneren verwahrt wird. Ein sanftes Leuchten aus dem Zentrum verweist auf das kostbare Gut im Inneren. Es k√∂nnen Stunden vergehen oder Kilometer gereist werden, bis der Empf√§nger das Ger√§t in H√§nden h√§lt. Aber sobald dies geschieht, und diese unscheinbare Kugel mit der selben Sorgfalt aufgenommen wird, wie es zuvor der Sender tat, beginnt sich eine angenehme W√§rme aus dem Inneren auszubreiten. Der Moment der ersten Ber√ľhrung wird freigesetzt und zwischen zwei Menschen geteilt.

Es soll eine subtile, leise Maschine sein. So minimalistisch wie m√∂glich, um den Fokus auf die Empfindung der W√§rme und den Vorgang der Ber√ľhrung zu lenken. Ich beobachtete Menschen, die die Kugel aufnahmen, und obwohl sie nicht wussten, wer sie zuvor in H√§nden hielt und wer diese W√§rme innerhalb ¬ęverwahrte¬ę, die sie gerade sp√ľrten, entstand ein besonderer emotionaler Moment f√ľr beide.

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Man Dik Sum
»61«

2010, Video, 61 Min

Das Happening fand am 2. Oktober 2010 am Tiananmen-Platz statt – am Tag nach dem 61. Jubiläum des Bestehens der Volksrepublik China. Man saß 61 Minuten auf dem Platz, wobei sie versuchte völlig still zu sitzen und zu schweigen. Sie schrieb die Antworten auf alle ihr gestellten Fragen auf ein Blatt und machte alle 60 Sekunden ein Foto.

Da »tian-an« wörtlich so viel bedeutet wie »ein sicherer Himmel«, war es Mans Ziel zu untersuchen, ob der Boden in anderer Weise unsicher war. Außer dass der Kameramann durch die Polizei befragt wurde, geschah nichts, was ihre Hypothese des unsicheren Bodens bestätigt hätte. Passanten kamen vor die Kamera und erzählten ihre Geschichten. Die Art, in der sie auf dem Video rückwärts laufen, mag natürlich erscheinen, aber sie wurde nachträglich eingefügt. Die Passanten waren sich der anschließenden Bearbeitung des Videos durch die Künstlerin nicht bewusst; so wie es auch möglich ist, dass sie sich ihres unbehaglichen Lebens durch verschiedene unsichtbare Kontrollen nicht bewusst sind. Auch der Originalton wird rückwärts abgespielt, was für Außenstehende natürlich klingen mag. Muttersprachler sind jedoch sofort in der Lage, den Unterschied zu erkennen. Paradoxerweise ist es dennoch möglich, dass wir als Fremde nur zu einem stereotypen und oberflächlichen Verständnis des Ereignisses gelangen können.

MAN Dik Sum ist eine Medienkünstlerin, die sich hauptsächlich der Videokunst verschrieben hat. Ihre Arbeiten rangieren von Videopoesie zu Videoinstallationen, von Kurzfilmen zu kinematografischer Theorie, von Klangkunst zu Klangarchiven und umfasst auch kommunale Kunstworkshops zwischen verschiedenen Städten. Durch ihr großes Interesse an menschlicher Bewegung und wegen der eingeschränkten Flexibilität ihres eigenen Körpers, stellt Man Menschen gerne körperliche Herausforderungen, die niemals feindselig sind, während sie zugleich mit Hilfe visueller Medien mit Bewegungen experimentiert, die fast einem Stillstand gleichkommen. So wie in ihrem Werk 61, stellt sie Fragen von politischer Bedeutung, während sie selbst nur minimale körperliche Handlungen vollführt.

Man hat ihren Master in Bildender Kunst am Creative-Media-Institut der City University of Hong Kong erhalten.

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Carolin Weinert
»TEER ME APART«

2011, Videoperformance, HD, ohne Ton, 06:55 min
Mitwirkende: Carolin Weinert ; Kamera, Licht: Hein-Godehard Petschulat
www.carolinweinert.de

Carolin Weinert teerte und federte sich, um so zurechtgemacht bis zur Erschöpfung auf und ab zu springen. Mit ihrem gequälten Grinsen in die Kamera präsentiert sie sich als Hybrid zwischen Verurteiltem und Spaßmacher, Schau objekt und Beobachter.

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