Transnationale Räume der Begegnung und Co-Produktion

http://www.european-tele-plateaus.eu

Zur CYNETART 2008 startete die Trans-Media-Akademie Hellerau gemeinsam mit Partnern aus Madrid, Norrköping und Prag das Projekt »European Tele-Plateaus - Transnationale Räume der Begegnung und Co-Produktion«. Die bis 2010 durch die Europäische Union geförderte Vernetzung von virtuellen Umgebungen gründet auf langjährigen konzeptionellen und praktischen Aktivitäten der TMA. Ziel ist es, öffentlich begehbare virtuelle Bild-Klang-Räume zu schaffen, die sinnlich-körperliche Interaktionen über große Distanzen hinweg innerhalb vernetzter virtueller Umgebungen in Echtzeit ermöglichen. Durch eine direkte Verknüpfung von physischen Aktivitäten innerhalb einer translokalen virtuellen Umgebung entstehen sogenannte Hyperorte, die verschiedene, lokal signifikante Bild-Klang-Prozesse via Internet integrieren. Die Entwicklung von Tele-Plateaus fördert interdisziplinäre wie interkulturelle Denk- und Arbeitsweisen sowie neue Formen grenzüberschreitender Kommunikation und Kooperation.

Die spezifischen Ziele:

Das Projekt realisiert erstmals eine innovative Praxis der grenzüberschreitenden Mobilität (Interaktive Begegnungskultur) auf der Basis einer transnationalen Co-Produktion, die auf einen außergewöhnlichen interkulturellen Dialog in Form einer netzgestützten, sinnlich-körperlichen Interaktionskultur zielt. Auf der Basis der Förderung durch die Europäische Union werden die beteiligten europäischen Partner ein permanentes Netzwerk von interaktiven virtuellen Environments aufbauen, das eine unmittelbare audiovisuelle Echt-Zeit-Interaktion zwischen technisch gleich konfigurierten, öffentlich begehbaren Plätzen sowie bespielbaren Bühnen ermöglicht. Die Arbeitsergebnisse werden im Zeitraum 2008 bis 2010 auf europäischen Festivals, auf öffentlichen Plätzen sowie zu Meeting-Points und Live-Sessions in den beteiligten Städten präsentiert.

Die Vision:

Vernetzte europäische „Weltbühnen” und Plätze der transnationalen Begegnung
Menschen können künftig verbunden über einen Server und entsprechende Netzwerktechnologie mit ihren körperlichen Bewegungen ohne Bedienung zusätzlicher Interfaces miteinander tanzen und spielen indem sie zeitgleich Bilder, Klänge oder Lichteffekte kreieren. Diese Vision eines europäischen Hyperortes ist machbar! Er bildet sich aus vernetzten audiovisuellen „Umgebungen”, welche durch die Bewegungen von Menschen an verschiedenen Orten Europas hindurch „komponiert”, „gesteuert” und „strukturiert” werden.
Das heißt, der gleichzeitig an allen physischen Orten präsente virtuelle Hyperort bildet sich durch die Generierung von Daten, die innerhalb eines OSC-Netzwerkes allen Rechnern für die Bearbeitung zur Verfügung stehen. Unterschiedliche „Bewegungsparameter” (Geschwindigkeit, Lage im Raum, Ausdehnung usw.) werden im Camera-Motion-System digitalisiert und zwischen den Rechnern an den drei technisch gleich konfigurierten Orten getauscht. An den jeweiligen Orten selbst werden die numerisch codierten Bewegungsparameter in Sound- und Bildprozesse transformiert, so dass ohne merkliche Zeitverzögerung der audiovisuelle Hyperort zeitgleich das Environment der jeweiligen Live-Performances bildet. Es handelt sich dabei insofern um eine Telematik der Zukunft, als die weitere Entwicklung von leibhaftig begehbaren virtuellen Hyperorten eine völlig neue Art der Begegnung zwischen Menschen an unterschiedlichsten Punkten der Welt ermöglicht. Das öffnet nicht nur neue „ökologische” Wege der kulturellen Kommunikation, des Spiels und der künstlerischen Performances, sondern schließt vielfältige weitere Anwendungen - vom interaktiven Lernraum bis hin zum interaktiven Wohn- und Kinderzimmer - ein.
Der menschliche Körper selbst ist dabei das entscheidende Interface der Kommunikation! Die jeweilige technisch-künstlerische Konfiguration stellt lediglich audiovisuelle, sensorische und kybernetische Rahmenbedingungen zur Verfügung, die als mehr oder weniger dynamische synästhetische bzw. kinästhetische “Übersetzer” (Transformatoren) von performativen Interaktionen fungieren. Letztlich kann sich jeder Nutzer des virtuellen, translokalen Interaktionsraumes selbst in die Gestaltung der technisch-künstlerischen Kontexte einbringen und seine eigenen „Umwelten” kreieren.

Erste performative Versuchsanordnung zur CYNETart_07encounter
Die performative Installation Tele-Plateaus_01 am 16. November 2007 im Festspielhaus Hellerau ist die erste Versuchsanordnung und bildet damit eine Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung des beantragten Projektes. Die telematische Performance untersucht und verknüpft unterschiedliche geografische, kulturelle und virtuelle Raum-Zeit-Situationen. Auf der Basis gleich konfigurierter Camera-Motion-Sensing Systeme und deren Vernetzung über die Software OpenSound Control (OSC) bilden drei europäische Orte in St. Petersburg (RU), Norrköping (SE) und Dresden (D) einen virtuellen „Bühnenraum” bzw. einen öffentlich begehbaren translokalen Interaktionsraum. Die Versuchsanordnung Tele-Plateaus_01 „generiert” durch die gleichzeitig stattfindenden Life-Performances einen translokalen Hyperort, der sich nicht nur mit den physischen Performances an den jeweiligen Orten verbindet, sondern durch diese hindurch erst entsteht. Das Pilotprojekt bildet eine Erfahrungsgrundlage für den geplanten langfristigen interdisziplinären Arbeitsprozess mit Hilfe der Förderung durch die Europäische Union.
Das Pilotprojekt ist eine Voraussetzung, aber nicht Bestandteil des beantragten Projektes!

Nachhaltige Co-Produktion von transnationalen virtuellen Environments
Die Entwicklung von Tele-Plateaus als transnationale virtuelle Orte der leibhaftigen Interaktion integriert unterschiedlichste Disziplinen und beinhaltet völlig neue Kommunikations- und Kooperationsweisen. Virtuelle Hyperorte können letztlich nur entstehen, wenn zwischen verschiedenen realen Orten gleichberechtigt - sowohl künstlerisch als auch technologisch - an einem virtuellen Bild-Klang-Raum gearbeitet wird. Dabei bildet sich eine neue Art von permanent korrespondierender künstlerischer Forschung und Entwicklung innerhalb des Hyperraumes selbst. Das heißt, der transnationale Hyperraum besteht nicht lediglich aus addierten virtuellen Umgebungen, sondern der Prozess der Herstellung, der Konfigurierung und Komposition der Tele-Plateaus findet letztlich selbst seine entscheidende Realisation innerhalb dieses transnationalen europäischen Hyperraumes.
Jede Art der Gestaltung von auditiven und visuellen virtuellen Umgebungen muss integrativ in Richtung auf den transnationalen Hyperraum konzipiert, konfiguriert und komponiert werden und kann auf dieser Basis auch nur im Hyperraum - als Integral aller lokaler Aktivität - den Ort der Erprobung und Anwendung finden. Künstlerische Arbeit ist damit in jedem Fall transnationale Co-Produktion, ein Prozess der Korrespondenz als permanente Abstimmung, Erprobung, Erforschung!
Dies ist in bestimmter Hinsicht vergleichbar mit der Betreibung einer internationalen Weltraumstation: Alle technischen Systeme, Arbeitsformen, Ziele und Strategien müssen auf einen Ort fokussiert werden, der keine lokal oder territorial begrenzte Bestimmung hat.
Deshalb ist ein längerfristiger interdisziplinärer künstlerischer Austausch- und Arbeitsprozess erforderlich, der mit Hilfe der Europäischen Union im Rahmen dieses Projektes begonnen werden soll.
Letztlich besteht das Ziel aller Aktivitäten in einem weltweiten Netzwerk von öffentlich begehbaren Tele-Plateaus, die als Probebühnen für leibhaftige Interaktionen zwischen Bürgern der Welt fungieren (Virtuelle Plätze der Weltkulturen). Diese Begegnung - und das ist das entscheidende - muss keine Räume überwinden, muss nicht fahren oder fliegen, braucht also keine Fahrzeuge und Flugzeuge, in denen man fest angegurtet ist. In diesem Sinne ist eine Begegnung im Hyperraum als unmittelbar korrespondierende Körperbewegung und Erprobung weltbürgerlicher Interaktionsfähigkeit möglich.
Diese neuen virtuellen „Bühnenräume” stellen nicht nur Regisseure, Schauspieler, Tänzer, Dramaturgen, Bühnenbildner, Choreografen, Komponisten, Medienkünstler, Programmierer und Techniker, sondern auch Wirtschaftsunternehmen, Forscher und Wissenschaftler vor völlig neue Herausforderungen.
Der 2006 wieder hergestellte historische Festspielsaal des ersten „Theaters” ohne separierter Bühne soll auch im Sinne von Adolphe Appia, Jaques Emile Dalcroze, Heinrich Tessenow, Mary Wigman und Gret Palucca wie des „Bauhäuslers” Oscar Schlemmer in einen zeitgemäßen „Experimentalraum” zur Erkundung von künstlerisch und technologisch neuen Möglichkeiten der leiblichen Raum-Zeit-Wahrnehmung sowie des körperlichen Ausdrucks verwandelt werden. Das Festspielhaus Hellerau wird so zum Bestandteil eines europäischen telematischen Labors, in dem die Grundlagen für nachhaltige internationale virtuelle Performances geschaffen werden.

© Konzeption und künstlerisch-wissenschaftliche Projektbetreuung: Dr. Klaus Nicolai

Dieses Projekt wird mit Unterstützung des Programms Kultur (2007-2013) der Europäischen Kommission finanziert.
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